Freiheit für Josef

"Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen." (George Orwell)

Ich bin kein Held… Aber mein Glaube an den Rechtsstaat ist tatsächlich lädiert

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Hier ein Auszug aus dem heute erschienenen Interview mit Josef in der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Ein Teil Ihrer Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, Sie kamen wegen der langen Untersuchungshaft frei. Sind Sie sofort aus Wien abgereist und haben gesagt: Nie wieder Österreich?
Nein. Ich bin ja nicht traumatisiert, habe Freunde hier und hatte viel mit meinem Anwalt zu besprechen. Wenn man nicht gerade in der Haftanstalt Josefstadt sitzt, ist ja vieles in Österreich sehr schön. Das Gefängnis würde ich bei einer Rückkehr gern meiden…

SZ: Sie kehren bald nach Wien zurück, weil Sie in Berufung gehen. Warum?
Ich kann mit dem Urteil nicht zufrieden sein wegen der vielen Widersprüche… Der Richter hat ja schon am ersten Verhandlungstag gesagt, der Verdacht gegen mich habe sich erhärtet – also war klar, dass er dem wichtigsten Zeugen der Anklage Beachtung schenkt.

SZ: Es hieß, hier sei im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden worden.
Für einen Richter ist das eine schwierige Sache. Er wusste zum Beispiel, dass eine vorgesetzte Behörde meine Haftbeschwerde abgelehnt hatte. Da braucht es viel Mut, seinen eigenen Weg zu gehen, der eventuell auch Einfluss auf die spätere Karriere hat.

SZ: Auch für Professoren ist das ja ein schmaler Grat. Sind Sie so brav? Im Prozess wurden Sie als Terrorist bezeichnet.
Meine Freunde haben gesagt, wer mich kennt, würde mir so etwas nicht zutrauen. Ich bin wirklich schwer aus der Ruhe zu bringen.

SZ: Immerhin waren Sie in der Nähe des Schwarzen Blocks, wo es hoch herging. Da steht man nicht aus Versehen herum.
Der Platz war groß, ich stand an der Seite; wo die vorderste Front ist, ist Ansichtssache. Ich kenne mich in Wien nicht aus und wusste nicht, wo ich langgehen konnte.

SZ: Das klingt harmlos, fast naiv.
So richtig erklären kann ich das alles nicht, aber ja, ich habe mich nicht entfernt. Da waren viele Menschen, da war viel Dynamik, man rennt hinterher, das ist so eine Massenbewegung.

SZ: Als Jenaer haben Sie in Wien gegen die Burschenschaften und die FPÖ demonstriert. Kennen Sie sich da überhaupt im Detail aus?
Ich habe politische Freunde in Österreich, die mir von ausländerfeindlichen FPÖ-Kampagnen berichten. Und ich weiß, dass sich Burschenschaften, rechtsradikales Milieu und FPÖ überschneiden.

SZ: In der Antifa-Szene gelten Sie als Held. Die österreichische Richtervereinigung hingegen hat sich dagegen gewehrt, dass Sie zum Justizopfer stilisiert werden: “Politische Motivation” finde bei richterlichen Entscheidungen ebenso wenig Raum wie die “Erfüllung öffentlich zum Ausdruck gebrachter Rache- oder Freispruchgelüste”.

Ich bin kein Held, ich habe ja keine Leistung vollbracht. Aber mein Glaube an den Rechtsstaat ist tatsächlich lädiert…

Das gesamte Interview kann man in der SZ vom 20.08.2014 “Erklären kann ich das nicht” nachlesen.

Ein Kommentar

  1. Josef im Interview: “Es gibt ja ähnliche Fälle; in Dresden wurde ein Mann zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er angeblich in ein Megafon gerufen haben soll: Kommt nach vorn!”

    Er hat diesen Fall auch schon im “Standard”-Interview erwähnt, allerdings gibt es imo doch einen beträchtlichen Unterschied zu Josefs Fall: Tim H. hat nach meinem Kenntnisstand keinen einzigen Tag in U-Haft gesessen! Und da das Urteil nicht rechtskräftig ist, zumindest weiß ich nicht Gegenteiliges, obwohl es schon vom Januar 2013 stammt, wohl auch nicht in Haft.
    Sowohl (verständlicherweise) die Verteidigung, als auch die Staatsanwaltschaft gingen in Berufung.

    Ähnlicher finde ich da schon den “Yunus-Rigo-Prozess” von 2009/10 in Berlin (hatte ich hier auch schon mal geschrieben), ähnlicher deshalb, weil auch die beiden von zwei Zivilpolizisten bei Straftaten auf einer Demonstration beobachtet worden sein sollen. Die beiden zur Tatzeit 16- und 18-Jährigen saßen sogar 7½ Monate in U-Haft und das Gericht brauchte sage und schreibe 24 Prozesstage um die beiden “aus Mangel an Beweisen” freizusprechen – aber immerhin..:

    http://www.yunus-rigo-prozess.de/der-prozess

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