Freiheit für Josef

"Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen." (George Orwell)

Ein Schlag ins Gesicht

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Meine Anreise nach Wien war voller Erwartung und doch voller Zweifel. Was ich mir wirklich wünschte, dass wagte ich nicht zu glauben. Dennoch möchte ich nicht aufhören zu fordern, meinen Bruder ein gerechtes Verfahren zu ermöglichen
Leider kann ich nicht sagen, dass die Ergebnisse des heutigen Tages dafür sprechen. Nachzulesen kann man die Details der Verhandlung im Live-Ticker des Standard.
Zu Beginn des Prozess kommt der erste Tiefschlag des Tages mit dem Plädoyer des Staatsanwaltschaft. Es wird offensichtlich was eigentlich hier zur Debatte steht. Anstatt über Josef und seine Taten zu verhandeln, wird eine gesamte Demonstration vorverurteilt. Es werden von „kriegsähnlichen“ Zuständen gesprochen. Eine angemeldete Demo wird als Zusammenrottung von Personen mit dem Willen zu Straftaten unter dem Vorwand von politischen Protest bezeichnet; Josef als Teil dieser Gruppe also höchst gefährlich. Weiterhin wird eine Änderung der Anklageschrift vorgenommen von versuchter schwerer Körperverletzung auf versuchte absichtliche Körperverletzung, damit ist eine Verlängerung der geforderten Haftstrafe auf fünf Jahre möglich.
Mir fehlen die Wort. Doch die Verteidigung versucht das Gericht auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Sie betonen immer wieder wie dünn die Beweislast aufgestellt ist. Es gibt weder Videomaterial noch Bildaufnahmen, die Josef Strafttaten belegen. Die Anklage stützt sich allein auf die Aussage eines Belastungszeugen, der Josef den ganzen Abend beobachtet haben möchte.
Die Vernehmung der Zeugen macht etwas Hoffnung. Der Polizist verfängt sich bei seinen Aussagen in Widersprüchen. Der Richter stellt kritischen Nachfragen. Man möchte fast aufatmen. Die Beweisaufnahme dauert lange. Die Verteidigung stellt am Ende des Tages den Antrag auf Enthaftung.
Als die Richter und die Schöffen sich zurückziehen schlottern uns Knie. Wir wollen nicht hoffen und machen es doch. Mittlerweile haben wir schon viele Interviews in viele Kameras gesprochen. Immer wieder die gleichen Worte der Entrüstung und Verzweiflung. Was wird es uns helfen?
Es folgt der Richterspruch – ein Schlag ins Gesicht. Der Richter verkündet seinen Urteilsspruch zur Enthaftung. Trotz der veränderten Beweislage bleibe der dringende Tatverdacht bestehen. Josef könne jederzeit wieder straffällig werden im In- und Ausland. Daher werde von der Enthaftung abgesehen. Es drohen Josef zwischen ein und fünf Jahren Haft. Für Entrüstung fehlt mir fast die Kraft. Der Tag war lang und anstrengend. Die Verhandlung Kräfte zerrend.
Trotz allen bin ich sehr stolz auf meinen Bruder. Ruhig und gelassen sitzt er dort auf der Anklagebank. Manchmal haben wir Blickkontakt und dann winke ich ihn. Wir lachen manchmal oder schütteln den Kopf über die Absurdität der Situation. Auch wenn er blasser und schmächtiger geworden ist, die lange Zeit im Gefängnis an seine Nerven zerrt, noch lässt er sich nicht unterkriegen.

 

5 Kommentare

  1. Hey Irma,
    Wir haben den Prozess im Live-Ticker mitverfolgt und sind fassungslos. Es scheint nicht um Josef zu gehen sondern “ums Prinzip”. Das ist unglaublich. Wr hoffen nach wie vor, dass das alles nur große Show ist und bei der Beweislage kein Mensch vor den Augen der Öffentlichkeit verurteilt werden KANN.

  2. Sehr geehrte Familie !

    Vorab meinen Respekt für Ihre Bemühungen und Unterstützung für Ihren in Österreich inhaftierten Sohn.

    Ich darf mir aber, bei allem Verständnis für Ihre subjektive Wahrnehmung der Geschehnisse rund um den Wiener Akademikerball, die Frage erlauben, warum sich Ihr Sohn nach Beendigung der Demonstration, abseits der Demonstrationsroute und der Veranstaltungsörtlichkeit des Wiener Akademikerballes, eine Gruppe begleitete, bzw. sich innerhalb einer Gruppe befand, von der gezielte Attacken gegen österr. Sicherheitskräfte ausgingen.

    Es wäre doch naheliegend gewesen, dass er sich spätestens nach dem ersten Angriff auf Polizeibeamte aus dieser Zusammenrottung herauslöst und mit diesen nicht mehr gemeinsam weiter zieht.

    Wie Sie sehen, will ich Ihren Sohn nicht vorverurteilen und habe sehr vorsichtig formuliert, Tatsache ist es jedoch, dass nach österr. Recht der Landfriedensbruch vollendet ist, wenn man eben bei derartigen “Zusammenrottungen”, wie das Gesetz sagt, anwesend ist. Eine zusätzlich strafbare Handlung ist nicht mehr nötig.

    Und das wiederholte Auftreten ihres Sohnes an verschiedenen Tatörtlichkeiten im unmittelbaren Naheverhältnis zur gewaltbereiten Gruppe ist ja offensichtlich belegt.

    Ich wünschen Ihnen dennoch viel Kraft und würde begrüßen wenn ihr Sohn höchstens für die Dauer der U-Haft bestraft wird, womit er nach dem anstehenden Prozess wieder nach Hause gehen könnte.

    Mit freundlichen Grüssen

    • Werter Herr Koller oder wie auch immer!
      Sie verwenden für den Josef S. die gleiche Argumentation, wie sie schon der Wiener Polizeipräsident Pürstl für 8.000 friedliche (!) Demonstranten unmittelbar nach seinem desaströs unprofessionellen Polizeieinsatz im Fernsehen gebraucht hat, um alle zu Mittätern zu machen: “Wenn man sich mit Hunden ins Bett legt, dann darf man sich nicht wundern, wenn man mit Flöhen aufwacht.”
      Als ob 8.000 Demonstranten wissen müssten oder könnten, was sich ein paar Gassen weiter abspielt. Pürstl selber als oberster Einsatzleiter (!) hat es ja auch nicht gewusst, sonst hätten die Gewalttäter nicht so UNGESTÖRT von der Polizei wüten können, obwohl andererseits Fotografen und Kamerateams ihnen mühelos nachspazieren und sie dabei filmen konnten. *sehr seltsam*
      Beim Josef ist gar nichts belegt. Wie glaubwürdig ist denn eine Zeugenaussage, die der Zeuge einfach ändert, wenn er in der Zeitung liest, dass sie falsch ist, seine Aussage?
      Im Fernsehen hat sich dieser Wiener Polizeipräsident – Zustimmung heischend und erhaltend – neben den peinlichen FPÖ-Mandatar Mölzer gekuschelt, einen bekannten Burschischafter und Burschi-Ball-Besucher, üblen Revisionisten und Kellernazi, der nur wenig später über sein “Neger-Konglomerat EU” gestolpert ist und als FPÖ-Spitzenkandidat überhastet zurücktreten musste.
      Der gleiche Polizeipräsident Pürstl hat im Zuge der Platzsperren für den rechtsextremen Burschi-Ball von Mölzer + Co auch die Kundgebung der KZ-Opfer (!) am Heldenplatz verboten. Einem, der ein paar greisen KZ-Überlebenden ihre Versammlung untersagt, damit die Braunen UNGESTÖRT hin können, wohin auch immer sie wollen, steht ein Flöhe-Vergleich gar nicht zu. Der soll sich bitte um seine eigenen Flöhe kümmern, statt ALLE Demonstranten von vornherein zu kriminalisieren und zu “Landfriedensbrechern” zu machen.
      P.S.: In Berlin und überall anders bringt die Polizei die Nazi-Aufmarschierer zurück zum Bahnhof – statt mit der U-Bahn zum Wirten mit den drei Bier, wie es die Polizei in Wien getan hat. In den Flöhe-Verdacht kann man auch als Polizei geraten.
      Danielle Durand, Wien

  3. Aha: Sehr interessant: “Und das wiederholte Auftreten ihres Sohnes an verschiedenen Tatörtlichkeiten im unmittelbaren Naheverhältnis zur gewaltbereiten Gruppe ist ja offensichtlich belegt.”
    (1) Wer wissentlich an einer Zusammenrottung einer Menschenmenge teilnimmt, die darauf abzielt, daß unter ihrem Einfluß ein Mord (§ 75), ein Totschlag (§ 76), eine Körperverletzung (§§ 83 bis 87) oder eine schwere Sachbeschädigung (§ 126) begangen werde, ist, wenn es zu einer solchen Gewalttat gekommen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.
    (2) Wer an der Zusammenrottung führend teilnimmt oder als Teilnehmer eine der im Abs. 1 angeführten strafbaren Handlungen ausführt oder zu ihrer Ausführung beigetragen hat (§ 12), ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen.
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    Hoffentlich gibts drei Jahre.

  4. Vielleicht war er in der Nähe der gewaltbereiten Gruppe, um deeskalierend zu wirken?
    Indizien gibt es dafür ebenso, wie für die Annahme der Eskalation. Wenn bei ihm keine Ausrüstung zur Vermummung vorgefunden wurde, hatte er vielleicht nichts zu verbergen? In dem Falle könnte man auch unterstellen, dass er nicht vorsätzlich randalieren wollte? Beiden Vermutungen haben Richter und Staatsanwaltschaft nachzugehen, insbesondere bei mangelhafter Beweislage trotz diverser Filmmitschnitte.
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    Hoffentlich gibt es kein Urteil, was irgendwann ein EU-Gericht der österreichischen Justiz um die Ohren haut.

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