Freiheit für Josef

"Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen." (George Orwell)

Besuch bei Josef zu Ostern

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Das einzige Geschenk, das wir dieses Jahr Josef zu Ostern darbieten, ist ein gemeinsamer Besuch in der Wiener Justizanstalt. Zu unserem Glück herrscht am Karfreitag in Österreich keine Betriebsruhe, so dass wir ihm zu den Feiertagen wenigstens eine halbe Stunde lang Gesellschaft leisten konnten. Mit dabei ist diesmal ein Fernsehteam vom ARD, welches uns auf dem Weg begleitet (siehe Beitrag: ARD-Brisant).

Die Reporter müssen vor der Justizanstalt warten. Wir dagegen passieren die Sicherheitskontrollen, melden an der Pforte unseren Besuch an und gesellen uns zu den anderen Wartenden. Die Gänge sind leer und trostlos. Es hängen ein paar Bilder an der Wand, die von Häftlingen angefertigt wurden.  Außerdem ein Plakat für die katholische Seelsorge und für Entziehungskuren in der Justizanstalt. Für die ganz Kleinen steht eine Spielecke zur Verfügung. Ab und zu laufen ein paar Angestellte, Wärter oder Anwälte durch den Flur. Ansonsten warten alle gespannt darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wird und sie eines der beiden Gesprächszimmer betreten können. Das Warten ist bedrückend, aber wohl kein Vergleich mit einem wirklichen Aufenthalt in der Justizanstalt. Es ist fast ein Wunder, dass uns Josef stets mit einem Lächeln empfängt. Selbst nach über drei Monaten behält er sich seinen Optimismus und seine Lebensfreude. Das Gefühl des Ausgeliefertseins und  der Trostlosigkeit, welche einen schon bei einen kurzen Verweilen im Gebäude der Justizanstalt überfällt, ist für den Augenblick verschwunden.

In der kurzen Gesprächszeit ist es schwer viel über seinen Alltag zu erfahren. Was soll man sagen, wenn das Leben auf einmal Kopf steht? Auch uns fehlen die Worte. Meist schreiben wir eine Liste mit den wichtigsten organisatorischen Punkten, die es zu besprechen gilt. Erst wenn diese abgehakt ist, bleibt etwas Zeit für ein paar persönliche Worte. Eine erlösende Umarmung kann es nicht geben. Wir sind in zwei verschiedenen Räumen stets durch eine Scheibe getrennt und reden mittels Telefonen miteinander. Das Recht für ein “Tischgespräch” erhält man frühestens nach 3 Monaten und auch dann ist die Warteliste lang.
Viel zu schnell sind die 30 min vorüber. Die Beamten geben ihr Zeichen und Josef steht auf. Diese kostbaren Minuten sind fast seine einzige Abwechslung im trüben Gefängnisalltag. Außer einer Stunde Hofgang am Tag und zweimal in der Woche zur Messe darf er seine Zelle nicht verlassen. Dort verbringt er seine Tage mit Lesen, Schreiben und ein bisschen Sport soweit es geht. Fachbücher dürfen wir ihn mittlerweile zukommen lassen. Andere Bücher kann er aus der Bibliothek bekommen. Wie bei allen Angelegenheiten in der Justizanstalt nur mit Antrag und Genehmigung. Einmal erzählte er uns, die Welt “hier drinnen” sei ganz anders als die “draußen”. Mehr sagt er nicht. Vielleicht möchte er uns nicht mit zu vielen Details verunsichern. Er hat gelernt sich zu arrangieren und sich einen Alltag zu gestalten. Die vielen Briefe und Solidaritätsbekundungen von außerhalb geben ihn Kraft. So weiß er, dass er nicht allein ist. Nicht jeder Gefangene erhält eine solche Unterstützung, dessen ist er sich bewusst.

Doch was wird es nützen? Wie wird es weitergehen? So ganz verlassen uns diese Fragen nie. Wir verlassen das Gebäude, steigen ins Auto und kehren zu unseren Alltag zurück. Josef bleibt in Wien. Aber sein Schicksal verlässt uns nicht. Es vergeht kein Tag ohne Zweifel und Angst. Kein Tag ohne die quälenden Fragen, warum so etwas überhaupt in einer demokratischen Gesellschaft geschehen kann. Was ist, fragen wir uns, wenn alle unsere Mühen unerhört bleiben, weil Josef in das Getriebe der Politik geraten ist? Wer sorgt sich wirklich, um diesen jungen, lebensfrohen und gutherzigen Menschen?

Vielleicht ist sich Josef des Ausmaßes seines jetzigen Verfahren noch nicht bewusst. Doch allein für die Chance irgendwann wieder ein ganz normales Leben führen zu können, braucht er jede Hilfe, die er nur bekommen kann.

Ein Kommentar

  1. Zitat: “Eine erlösende Umarmung kann es nicht geben. Wir sind in zwei verschiedenen Räumen stets durch eine Scheibe getrennt und reden mittels Telefonen miteinander.”

    Das ist ja echt noch krasser, als in Berlin beim Fall “Yunus & Rigo”, die beiden saßen ja auch in der U-Haft zu verschärften Bedingungen (obwohl nicht verurteilt), weil sie ja wegen eines Staatsschutz-Deliktes angeklagt waren, aber die Verwandten konnten den beiden bei Besuchen in der Haft wohl zumindest im selben Raum gegenübertreten und waren nicht durch eine Glasscheibe voneinander getrennt:

    “Auch Sava [Rigos Bruder] weiß, worauf er sich besonders freut: “Ich will Rigo einfach in den Arm nehmen.” Der Wunsch ist verständlich, denn er darf seinen Bruder während der Besuche nur zur Begrüßung und Verabschiedung kurz berühren. So lauten die Vorschriften.”

    Quelle: http://www.yunus-rigo-prozess.de/fileadmin/user_upload/yunus-rigo-prozess/presse_ofline/berliner-zeitung_1_.pdf

    Wie war eigentlich für Josef das Aufwachen nach der ersten Nacht außerhalb des Gefängnisses? Rigo sagte dazu: “Gestern bin ich aufgewacht und wusste erst nicht, wo ich bin.”

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/rigo-b-das-werde-ich-nie-vergessen/1653490.html

    Ihnen weiterhin alles Gute!

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