Freiheit für Josef

"Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen." (George Orwell)

3. Juli 2015
von Irma
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Präventives Urteil gegen deutsche Demonstranten in Österreich

Am Donnerstag, den 3.Juli 2015, wurde das Strafverfahren gegen Josef mit der Berufungsverhandlung abgeschlossen. Das Oberlandesgericht Wien lehnte das Ersuchen der Verteidigung auf Strafmilderung ab. Nachzulesen ist das Urteil im Liveticker des Standard.

In der Urteilsbegründung führte der Senat aus, dass Demonstranten daran schuld wäre, dass “sich Menschen nicht mehr aus dem Haus trauen” würden. Insbesondere eine lange Anreise sei verdächtig, da dadurch nur die Festigkeit des politischen Willen und die erhöhte Gewaltbereitschaft bewiesen werde. In einen kurzen persönlichen Gespräch nach der Verhandlung wies uns Richter Dostal darauf hin, dass sich Deutsche nicht in österreichische Angelegenheiten einmischen sollten. Das könnten die Österreicher gut alleine lösen.

 

10. Juni 2015
von Kaktus
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Josef im Porträt – ein Jahr danach

Mit Bekanntgabe der Berufung werden wir von vielen Menschen nach Josef gefragt. Wie geht es ihm heute? Wie hat er die Ereignisse des letzten Jahres verarbeitet. Was denkt er über seine damalige Reise nach Wien? Was erhofft er sich von der Berufung…?
Seine Antworten nachzulesen in der TLZ vom 09.03.2015.

27. Mai 2015
von Kaktus
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Es geht weiter – Oberlandesgericht Wien am 2. Juli

Quelle: derStandart vom 27.05.2015
Oberlandesgericht entscheidet über Strafausmaß

Wien – Das Oberlandesgericht Wien wird am 2. Juli entscheiden, ob es bei der teilbedingten einjährigen Freiheitsstrafe für den deutschen Studenten Josef S. bleibt. Dazu war er – nach sechsmonatiger U-Haft- wegen angeblich führender Beteiligung an gewalttätigen Ausschreitungen bei einer Demonstration gegen den Akademikerball 2014 verurteilt worden.

Das Wiener Straflandesgericht hatte den 24-Jährigen im Juli 2014 des Landfriedensbruchs, der versuchten schweren Körperverletzung und der schweren Sachbeschädigung für schuldig befunden und zu acht Monaten bedingter und vier Monaten unbedingter Freiheitsstrafe verurteilt. Eine Nichtigkeitsbeschwerde von Josef S. ist beim Obersten Gerichtshof gescheitert, sie wurde als unbegründet zurückgewiesen. Der Schuldspruch ist seither rechtskräftig. Aber Josef S. hat auch Berufung gegen die Strafhöhe eingebracht, über diese wird Anfang Juli entschieden. (APA, 27.5.2015)

4. April 2015
von Kaktus
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Danke für die weitere Unterstützung

Auch oder gerade nach den bisherigen Entscheidungen in Österreich, die gegen Josef gefällt wurden und die Unschuld Josefs nicht anerkennen wollten, möchten wir uns herzlich bedanken bei allen, die uns weiterhin moralische und finanzielle Hilfe geben. Das Verfahren wird sich bis zur vorerst letzten Entscheidung bezüglich der Berufung noch einige Zeit hinziehen.
Aber leider wird unser Sohn neben der bereits abgesessenen Freiheitsstrafe zusätzlich mit einer hohen finanziellen Belastung rechnen müssen. Deshalb sind wir dankbar, für jeden der bereit ist, mit einer Spende ihm ein wenig Last zu nehmen. Das Unterstützungskonto unserer Familie ist weiterhin offen.

Wir wünschen allen ein Frohes Osterfest.

17. Februar 2015
von Kaktus
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Ablehnung und Beistand

Ramelow+Lieberknecht[Quelle: Facebook-Seite des Freistaat Thüringens]

Mit der heutigen Ablehnung der Nichtigkeitsbeschwerde durch den Obersten Gerichtshof Österreich ist Josef rechtskräftig schuldig gesprochen. Wir sind entsetzt über diese Entscheidung einer Justiz mitten im Europa des 21 Jahrhundert. Josef hat die ihm angelasteten Vergehen nicht begangen und der Schuldspruch stützt sich ausschließlich auf die widersprüchlichen Aussagen eines Zivilbeamten. Die Ungerechtigkeit, die Josef widerfahren ist, wird ihn ein Leben lang anhaften.
Die Nachricht der Ablehnung erreichte uns während unseres Besuches in der Thüringer Staatskanzlei bei Ministerpräsident Herrn Bodo Ramelow und Ministerpräsident a.D. Frau Christine Lieberknecht.

Frau Lieberknecht hatte sich während ihrer Amtszeit um unser Anliegen gekümmert. „Bereits seit der Verhaftung des jungen Jenensers 2014 habe ich das Geschehen verfolgt und Kontakt mit der Familie gehalten. Die Härte der Strafe – eines nicht vorbestraften, in geordneten Verhältnissen lebenden jungen Mannes – hat nicht nur mich überrascht.“

„Mir ist es wichtig, dass junge Menschen nicht wegsehen, wenn es gilt, nationalistischen und faschistischen Umtrieben in Europa entgegen zu treten, dass politischer und religiöser Fanatismus keine Macht in Köpfen und Herzen der Menschen erlangt“, sagte Ministerpräsident Bodo Ramelow im Anschluss an das Treffen. „Der Freistaat Thüringen ist solidarisch mit Josef S. verbunden, wir stehen zu ihm und unterstützen ihn.“

Wenn es eine parteiübergreifende menschliche Unterstützung für Josef in Thüringen gibt, sollte dies nicht auch anderswo zum Nachdenken anregen?

4. Februar 2015
von Kaktus
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Der Akademikerball 2015 ist Geschichte

In den Abendstunden des 30.01.2015 versammelten sich laut der Organisatoren 9000 Menschen zur Gegendemonstration. 2500 Polizisten sicherten für 1500 Ballgäste die Wiener Innenstadt ab. Die Demonstrationen verliefen ohne „gröbere Zwischenfälle“. Laut Polizei wurde versucht, kleinere Barrikaden zu errichten um die Ballbesucher den Weg zur Hofburg zu versperren. Es kam zwar zu 54 Festnahmen, jedoch waren alle Personen am nächsten Tag wieder auf freien Fuß. (Quelle: Standard vom 31.01.2013)
Mit diesem gewaltfreien Protest haben tausende Menschen ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit genutzt und ein Zeichen gesetzt. Wir wissen ihren Mut zu würdigen, da jeder Einzelne ein ähnliches Schicksal wie das unseres Sohnes an diesen Tag riskiert hat. Wir sind insbesondere erleichtert, dass kein Demonstrant seine Haltung mit U-Haft und Strafprozess bezahlen muss und seinen Angehörigen sorgenvolle Tage und Nächte erspart bleiben.

28. Januar 2015
von Kaktus
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Akademikerball 2015

Akademikerball 2015 – LIVETICKER vom derStandard.at
Am 30.1.2015 wird wieder ein Akademikerball in Wien stattfinden,
es wird wieder Gegendemonstrationen geben und
es sind wieder Maßnahmen durch die Polizei getroffen worden.
Unser Sohn hatte nach Teilnahme an der Gegendemonstration im vergangenen Jahr bitter erfahren müssen, wie Polizei und Justiz agieren. An ihm wurde ein Exempel statuiert, mit wenig Interesse an der Wahrheitsfindung und den Auswirkungen für sein Leben.
Es musste ein Schuldiger für die eskalierte Gewalt gefunden und verurteilt werden.
Fakt ist, dass es zu Zerstörungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.
Fakt ist aber auch, dass unser Sohn diese Art des Protestes nicht praktiziert.
Wir, Josefs Eltern, zeigen vollstes Verständnis, für alle, die ihre Menschenrechte auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf Demonstrationsfreiheit in Anspruch nehmen wollen. Wir möchten aber auch der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Demonstrationen friedlich und gewaltfrei verlaufen.

24. Januar 2015
von Irma
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Nach dem Ball ist vor dem Ball

Heute um den Jahrestag von Josefs Festnahme am 24.01.2014 und kurz vor dem nächsten Ball Akademikerball am 30.01.15 steigert sich das mediale Interesse. Weil wir nicht schreiben brauchen, was er besser in eigenen Worten sagen kann, folgen Auszüge aus einem Interview, dass am 20.01.2014 im Augustin veröffentlicht wurde.

In kurzer Zeit findet in Wien wieder der «Akademikerball» statt; du hast letztes Jahr auch dagegen demonstriert.

Für den Ball kommen international Leute zusammen, auch die Burschenschaften sind über die Grenzen hinweg vernetzt. In Eisenach, nicht weit von hier, findet das größte Treffen der Deutschen Burschenschaften statt, das ist der Verband, wo auch die meisten österreichischen Burschenschaften dabei sind. Die beschäftigen sich mit Sachen wie dem «Ariernachweis», dass man also nur mit «deutscher Abstammung» zu einer Burschenschaft gehen kann. Gegen diese Kräfte muss man natürlich überall vorgehen, also auch in Wien. Und darum bin ich da hingefahren.

Du wurdest aus der Demo heraus festgenommen. Wie denkst du, dass es dazu kam?

Ich bin relativ groß und hatte auffällige Klamotten an, ich trag eine Brille, also kann man sich gut an mich erinnern, vielleicht sind das Gründe dafür. Man kann nur Hypothesen aufstellen.

Du kamst als einziger in die Untersuchungshaft. Was macht so eine U-Haft-Erfahrung mit einem?

Es ist recht schwierig, das in kurze Worte zu fassen. Man ist erstens in einer sehr tristen Umgebung, man sieht jeden Tag das Gleiche, es passiert einfach nichts. Man wird mit Langeweile aufgerieben, zermürbt, um vielleicht doch noch was rauszukriegen. Außer bei den Besuchen, die man, wenn man Glückt hat, zweimal die Woche für eine halbe Stunde bekommt, ist man aus dem sozialen Umfeld rausgerissen. Wobei jeder Kontakt auch überwacht ist: Die Briefe werden gelesen, die Gespräche mitgehört. Das ist für die Psyche eine sehr schwere Zeit.

Ist man erwachsener, wenn man rauskommt?

Viele Sachen sind danach umgekrempelt. Man muss sich erst wieder daran gewöhnen, dass man einen eigenen Alltag hat. Drinnen ist alles fremdbestimmt, wann die Tür aufgeht, wann es Essen gibt. Dass man selber entscheiden kann, den Tag planen, den Kontakt zu normalen Menschen, zur Familie wieder aufnehmen kann, das ist schon ziemlich schwierig.

Das hat eine Weile gedauert?

Es dauert immer noch an. Ich würde meinen, daran zerbrechen auch viele Menschen. Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die öfter drin sind, irgendwann abschließen und sich ihrem Schicksal ergeben. Die haben vielleicht soziale oder psychische Probleme im Leben, aber durch das Gefängnis haben sie überhaupt keine Lust mehr, sich damit zu beschäftigen. Ich war für eine politische Aktion drin, aber wer wegen Drogendealen oder wegen Diebstahl eingesperrt wird, weil er keinen anderen Job findet – dem ist klar, wenn er rauskommt, hat er einen Monat oder ein Jahr, bis er wieder drin ist.

Hast Du noch Kontakt mit Leuten, die du im Gefängnis kennengelernt hast?

Nein. Manche kommen raus, manche werden in Strafhaft verlegt und ich weiß nicht, wohin. Und es ist auch schwierig zu wissen, was man schreiben soll. Man will auch mal die Tür ein bisschen abschließen.

Wie war es, enthaftet zu werden?

Erst einmal musste ich ausschlafen, den ganzen Stress abbauen, der Prozesstag war ja auch sehr anstrengend.

Ihr habt in Bezug auf das Urteil Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt, worauf zielt die ab?

Darauf, dass das Urteil zerrissen und neu verhandelt wird. Entweder auf Freispruch oder auf Wegnahme von Tatbeständen. Es kann zum Beispiel sein, dass der Richter sagt, ‹Das, was Am Hof passiert sein soll, ist nicht klar genug, also fällt die Sachbeschädigung weg; aber die Steine hat er geworfen›.

Wann weißt du mehr?

Das wird lange dauern. Ein Jahr vielleicht.

Bis das Ganze abgeschlossen ist, kannst Du auch kein Einreiseverbot nach Österreich bekommen?

Es gibt keine Konsequenzen, solange das Urteil nicht rechtskräftig ist.

So lange bekommst du also auch keine Haftentschädigung?

Haftentschädigung ist eine andere Frage, die ans Strafmaß gebunden ist. Wenn es zu einem Freispruch kommt, würde mir Haftentschädigung zustehen.

Du wurdest auch nach dem Paragraphen für Landfriedensbruch verurteilt, den Du mehrfach als Gummiparagraphen bezeichnet hast.

Meines Wissens zählt ja im Recht meistens die Unschuldsvermutung: Wenn man nichts genau nachweisen kann, dann gibt es keinen Bestraften. Beim Landfriedensbruch ist das ein bisschen ungeklärt, denn da reicht die «Teilnahme an einer Menschenmenge» aus, «die darauf abzielt, Straftaten zu begehen». Da stellen sich für mich zwei Fragen: Wann zielt eine Menschenmenge darauf ab, Straftaten zu begehen? Also wann gibt es diese massenhafte Beseelung? Und zweitens: Wann bin ich Teil einer Menschenmenge? Die Fragen haben sich auch im Prozess gestellt.

Du hast nicht nur das österreichische Strafrecht, sondern die ganze österreichische Justiz gewöhnungsbedürftig gefunden.

Wenn man in Haft ist, lernt man natürlich relativ viele Sachen kennen, hört viele Geschichten. Ich würde sagen, der massivste Unterschied zwischen Deutschland und Österreich ist die Größe, in Österreich rückt halt alles ein bisschen zusammen. Wenn die Staatsanwält_innen im selben Gebäude sitzen wie die Richter_innen, ist das natürlich ein anderes Verhältnis als hier, wo sie in verschiedenen Städten sind. Man trifft da nicht auf die gleiche Art Absprachen. Man unterhält sich auch beim Prozess ganz anders. Die Anwälte sind in Deutschland nicht per du mit dem Richter, und mit den Zeugen wird auch anders umgegangen. Aber das ist natürlich auch eine Stilfrage.

Als Linke_r ist man ja per se schon nicht der größte Fan vom Rechtsstaat. Erfährt man in so einer Zeit trotzdem nochmal eine Erschütterung?

Klar, man ist von vornherein kritisch gegenüber denen, und nach dem Verfahren umso mehr. Es stellt sich zum Beispiel eine gewisse Nähe zwischen Polizei und Justiz heraus, die dazu führt, dass der Polizei eher geglaubt wird als anderen Zeugen. Wenn auf der Straße einer rumsteht, und der Polizist sagt, du hast Drogen verkauft – was soll man als Gegenbeweis bringen? Das ist dort ein klassisches Beispiel: Viele hatten Marihuana dabei, und es hängt dann auch davon ab, welche Hautfarbe man hat, ob man bei der Polizei zum Dealer wird oder nicht.

Hast Du Dich vorher mit Gefängnis beschäftigt?

Nein, nicht viel. Gefängnis ist immer so weit weg, so ein abstraktes Gebilde. Danach fragt man sich natürlich, ob das Gefängnis der richtige Ort ist, um Menschen zu ändern. Die meisten Straftäter dort hatten soziale oder psychische Probleme; das waren eher traurige Geschichten darüber, wie Leben falsch verlaufen können, wenn jemand nicht das Glück hat, dass Familien oder Freund_innen im richtigen Moment da sind.

Was hattest Du für Strategien, mit dem langweiligen und auch unabsehbar langen Alltag in der Untersuchungshaft umzugehen?

Man muss sich da Aufgaben suchen, irgendwelche Ziele setzen. Sport machen, auch wenn es elendig ist. Probieren zu lesen, wenn es einem liegt. Dieses ewige Fernsehschauen erzeugt so eine Monotonie, die alles eigentlich nur schlimmer macht. Ich glaube, man sollte auch offen auf die anderen Mitgefangenen zugehen, das sind alles nette Menschen.

Wird das möglich gemacht?

Es wird in erster Linie verhindert. Man hat bis auf die Stunde Ausgang eigentlich kaum Kontakt mit den anderen, abgesehen von den Leuten, die mit dir in der Zelle sitzen. Aber man findet schon Leute, die einem helfen. Irgendwie muss man zusammenhalten, und wenn uns was stört, können wir das den Wärtern gemeinsam auch sagen.

Wie war das Verhältnis zu den Wärtern?

Am Anfang eher angespannt. Alle waren sich ziemlich sicher, dass ich der große Rädelsführer bin. Später, als dann Sachen aus dem Verfahren rauskamen, haben sie selber ein bisschen gezweifelt. Aber sie hatten mit mir auch immer eher Stress – weil ich einen Anwalt im Rücken hatte, der das Gesetzbuch lesen konnte, und es hat ihnen nicht gefallen, dass ich viele Sachen durchgesetzt habe.

Was für Sachen zum Beispiel?

Anfangs hat mir die Staatsanwaltschaft das Besuchsrecht von nicht-Verwandten verweigert, weil angeblich der Besuch den Sinn der U-Haft untergräbt oder die Sicherheit der Anstalt gefährdet, sprich, weil ich der Rädelsführer bin oder weil meine Freund_innen die Anstalt in die Luft sprengen wollen… Und mir wurde zuerst verweigert, dass ich meine Lehrmittel, Zeitschriften und Bücher bekomme.
Das Wachpersonal ist halt auch unterbesetzt. Zum Beispiel gab es Freizeitmöglichkeiten wie einen Fitnessraum, aber der konnte nicht benutzt werden, weil es kein Personal dafür gab.

Entwickelt man gar ein solidarisches Verhältnis zu den Wärtern, weil ihre Arbeitsbedingungen schlecht sind?

Mitgefühl hab ich keines. Klar muss man irgendwie Geld verdienen, aber Jobs wie Securities, Fahrscheinkontrolleure und Haftwärter, da entscheidet man sich bewusst für die Unterdrückung anderer Menschen. Das System Knast könnte nicht aufrechterhalten werden, wenn niemand mitmacht. Aber klar, aus arbeitsrechtlicher Sicht wünsch ich ihnen Verbesserungen.

Du hast erzählt, dass Du im Gefängnis Ministrant warst. Wie kamst Du dazu?

Alle zwei Wochen kann man zum Gottesdienst gehen – etagenweise, und die müssen drauf achten, dass nicht irgendwelche Komplizen zusammenkommen, offiziell (lacht). Inoffiziell gibt es schon ein paar lustige Sachen, wenn Leute nicht aufgepasst haben und Komplizen plötzlich gemeinsam im Warteraum saßen.
Es gibt jedenfalls vier Seelsorger und einen Imam, die sich um die Gottesdienste kümmern, aber auch so rumkommen und sich erkundigen, wie es dir geht. So habe ich den Pfarrer Hofmüller kennengelernt. Er wollte auf seine Art und Weise dazu beitragen, dass das ganze ein bisschen weniger schlimm ist. Die Pfarrer gehören zu den wenigen vernünftigen Menschen, die ich da drin getroffen habe.

Warst du vorher auch schon einmal Ministrant?

Nein, das war das erste Mal. Ich bin nicht supergläubig. Es war eine Option, für ihn zu arbeiten und damit ein bisschen aus der Zelle rauszukommen. Andere Jobs habe ich nicht bekommen, weil ich ja als Gefahr galt, aber die Ministranten suchen sich die Seelsorger selber aus. Da hat das Gericht nicht viel zu sagen. Das ist sozusagen der Vorteil von Religionsfreiheit.

Wie ging es dir mit der Medienaufmerksamkeit?

Durch die Aufmerksamkeit der Medien und der Botschaft waren sicher ein paar Sachen einfacher oder wurden beschleunigt. Und die anderen Gefangenen haben mich natürlich gekannt, ich war eine Prominenz (lacht), ‹letztens im Radio gab’s wieder einen Bericht›, haben sie gesagt. Die Berichterstattung hat auf jeden Fall nicht geschadet. Auch für den kommenden Akademikerball gilt vielleicht, dass die Polizei, wenn sie dreifach und vierfach unter Beobachtung steht, die Leute aus dem Gefängnis eher gleich wieder rauslässt. Und es ist nett, im Gefängnis mal von Journalist_innen besucht zu werden, dann hat man eineinhalb Stunden Entspannung und sieht mal wen anderen als den Anwalt.

Deine Eltern hatten einen großen Schreck und haben dann damit umzugehen gelernt?

Kann man so sagen. Großer Schreck, und dann ist es irgendwann auch Alltag. Aber es bleibt diese krasse Ohnmacht. Ob sie wollen oder nicht, ich bin da drinnen bis zum Urteil. Oder bis irgendein Richter sagt, ich komm da raus. Das ist schon schwierig für Eltern, die immer für mich sorgen konnten, wenn was passiert ist: Die können mit mir lernen, wenn ich schlecht in der Schule bin, die können mit mir reden, wenn ich Probleme hab, die können mir einen Job suchen; aber in so einem Fall können sie nichts machen, außer mir Anwälte zu besorgen und mir Geld zu geben, dass ich ein bisschen was kaufen kann.

Wie wurde Dein «Fall» in Jena wahrgenommen?

Zum einen gibt es einen recht aktiven Bürgermeister, der sich selber auch gegen Naziaufmärsche engagiert. Der hat mit meinen Eltern geredet und hat nach einer Weile für sich entschieden, mich auf seine Art zu unterstützen. Ich habe von der Stadt Jena auch den Zivilcourage-Preis verliehen bekommen, für mein generelles Engagement, aber eben auch wegen der Sache in Wien.
Kurz vorher gab es den Fall von Lothar König, der in Dresden der «Rädelsführer» gewesen sein soll, und daraufhin hat man meinen Fall sich auch anders aufgenommen und gesagt: Langsam wird das absurd.

Lothar König wurde freigesprochen?

Der Prozess wurde eingestellt und er muss dreitausend Euro für die Einstellung bezahlen. Wegen geringer Schuld. Aber das ist auch eine Frage von Zeit und Geld. Wenn man weiß, welche Dimensionen so Anwält_innen kosten, weiß man auch, dass man froh ist, wenn man dreitausend Euro zahlt und das ist vorbei.

Eine Frage von Geld ist es bei Dir sicher auch.

Ich habe das Glück gehabt, dass die Soligruppe zumindest für den ersten Prozess einen Anwalt bezahlen konnte, und es stehen noch ein paar Kosten aus: die Prozesskosten vom ersten Prozess, Anwaltskosten, Prozesskosten für das Berufungsverfahren, Nichtigkeitsbeschwerde, plus der Schadenersatz, den die Polizei für das Polizeiauto fordert, das ich zerstört haben soll.

Wie hoch sind die Prozesskosten bisher?

Das weiß ich nicht, weil noch keine Rechnung gestellt ist. So ein Gutachten, von dem zwei erstellt wurden, kostet um die viertausend Euro aufwärts. Also im fünfstelligen Bereich.

Du studierst weiterhin?

Ich studiere weiter Materialwissenschaften, und ich möchte mich bei meiner Uni bedanken. Manche Professoren haben relativ flexible Lösungen gefunden, und ich kann, bis auf den zeitlichen Verlust, einfach weitermachen. Klar braucht’s wieder Anlaufzeit, aber es wird schon. Und im Gegensatz zu denen der meisten anderen Häftlinge bleiben meine Perspektiven ja bestehen.

Kommst du heuer nach Wien zur Demo?

Nein. Es ist ein zeitliches Problem und ich habe ein laufendes Verfahren, da muss man auch ein bisschen entspannt sein. So sehr mag ich die Josefstadt auch nicht, dass ich ein zweites Mal sitzen will.

21. Januar 2015
von Irma
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Ein Jahr danach – Josef im Interview bei FM4

Josef spricht über seine Zeit im Gefängnis und das Leben danach.

„In sieben Tagen hatte ich eine Stunde Leben, sozusagen, wenn ich Besuch bekommen habe, und der Rest war ein Überleben“, schildert Josef die U-Haft.

Das erste Radiointerview von Josef kann man noch 7 Tage bei Fm4@ORF nachhören (ab 20:15 Uhr).

Für alle, die das nicht schaffen sollten oder sich für mehr Details über den aktuellen Stand des Verfahrens oder der Geschichte der Stadt Jena interessieren, können die zugehörige Reportage hier nachlesen.

Josef gibt einige lang erwartete Antworten und gibt für uns die wichtigste Antwort mit seinem Lachen. Er hat sich von den Schrecken des letzten Jahres erholt. Jetzt 6 Monate später kann er die Zeit in Gefangenschaft mit Abstand betrachten und seine Freiheit genießen.

Beim diesjährigen Akademikerball will Josef nicht mehr in Wien auf die Straße gehen. Auch wenn die Organisatoren aus dem NO-WKR-Bündnis ihn gerne als Galionsfigur gesehen hätten. „Ich finde, der Protest und das Bündnis kann für sich selber sprechen“, sagt er. Menschen müssen von alleine aktiv werden und eine Entscheidung treffen. „Hinterherlaufen“ fände er schwierig. Außerdem hätte er ja nichts geleistet, sondern sei lediglich als Sündenbock herausgegriffen worden und hätte den Kopf für die Sachbeschädigungen hinhalten müssen, meint er.

Gewalt und Sachbeschädigungen lehne er ab, sagt Josef. Die Blockaden, die die Ballbesucher davon abhalten sollten, in die Hofburg zu kommen, findet er hingegen in Ordnung. Denn es ginge beim dem Ball auch darum, dass sich rechte und rechtsextreme Gruppen vernetzten und dort ihre Politik absprechen, die darauf abziele, die Menschenrechte von anderen zu beschneiden. „Im Gegenzug ihre Versammlungsfreiheit zu stören, halte ich für legitim“, betont Josef.

Und dem Vorwurf, dass vor allem gewaltbereite DemonstrantInnen aus Deutschland anreisen würden, entgegnet Josef: Wer Schaufenster mit Steinen einwerfen will, könne das auch zu Hause machen, „da muss man nicht nach Wien fahren.“. Er hält die Ängste, die auch dieses Jahr wieder zu hören sind, für übertrieben.